2020 – ein persönlicher Rückblick auf das „Coronajahr“

Die Coronapandemie wurde auch in der Kreispolitik zur allüberlagernden Thematik. Abläufe von Ehrenamt und Verwaltung änderten sich merklich: Sitzungen wurden abgesagt und durch Videokonferenzen ersetzt, Diskussionen nach Möglichkeit auf das Wesentliche beschränkt und auch der kürzlich verabschiedete „Basishaushalt“ musste ohne Generaldebatte oder parteispezifische Einzelprojekte auskommen. Auch die Arbeit als Sprecher für Umwelt, Sicherheit und Ordnung verschob sich bis auf eine kurze Zeit der Lockerung nach der Sommerpause ins Digitale. Doch letztendlich blieb die politische Arbeit im Gegensatz zu weiten Teilen der Gesellschaft von drastischeren Einschnitten verschont. Dies gibt Anlass zur Dankbarkeit, nicht zuletzt gegenüber der umsichtigen Organisation, der Anpassungsfähigkeit und des Fleißes der Kreisverwaltung.

Wenig überraschend gingen und gehen die teils drastischen Einschnitte in das öffentliche und private Leben von Beginn an jedoch mit einer Vielzahl anderer individueller Gefühle einher: Angst um die berufliche Zukunft, Wut über Beschränkungen des Lebens, Zweifel ob bestimmter Einzelmaßnahmen und Sorge um die Ausbildung der Kinder. Verständlicherweise nehmen diese mit zunehmender Dauer der Pandemie ebenfalls zu. Nach meiner Überzeugung sollte Politik, einschließlich wir als Ehrenamt in Kreis und Kommune, auch weiterhin solche Emotionen ernst nehmen und Kritik sachlich begegnen, um frustrierte Abkehr in teils extremistisches Denken zu verhindern.

Doch bei allem Verständnis kontroverser Diskussion und an einigen Stellen sicherlich zu Recht geäußerter Kritik an getroffenen Maßnahmen (wenngleich es im Nachhinein immer ein leichtes ist, Fehler anzukreiden) – wenn Meinungen von vornerein verschwörungstheoretischer Natur sind, Querdenker Mythen verbreiten und im Netz Hetze betrieben wird, kann ich dies auf keine Weise mehr nachvollziehen; insbesondere, wenn sich dieses Niveau der Auseinandersetzung auch in unsere Partei einschleicht. Hier hilft bisweilen auch keine Sachlichkeit. Vielmehr braucht es wie bei allen Formen des Extremismus ein klares Statement.

Der Lockdown als heimliche Entmachtung und Einführung der Diktatur? Impfungen als gezielt angelegtes Menschenexperiment? Unerlaubter Eingriff in die persönliche Freiheit? Datenüberwachung durch die Corona-App? – Lächerlich! Dies wird bisweilen ausgerechnet von denjenigen vorgetragen, die normalerweise ihr Privatleben in den sozialen Medien ausbreiten, nie einer Demonstration beigewohnt sind und sonst nur allzu gern Probleme vom Staat gelöst sehen. Gerade zu zynisch und unmenschlich werden dann Relativierungen wie z.B. „es handelt sich nur um 1% der Bevölkerung“, „erfundene PCR-Ergebnisse“, „normale Grippewelle“, „betrifft nur ältere und Vorerkrankte“ bis hin zu „wären ohnehin an anderer Ursache gestorben“.

Eine persönliche, greifbare Dimension erhielt das Virus alsbald im Rahmen meines Berufs als internistisch tätiger Arzt in einem überregionalen Krankenhaus, zumal ich kurz nach Beginn der ersten Welle in die Notaufnahme rotierte. Je länger ich dort arbeite und nunmehr auch die zweite, weitaus intensivere Coronawelle tagtäglich in der direkten Patientenversorgung erlebe, desto mehr weiß ich die Maßnahmen von Bund und Ländern einzuordnen – und zu schätzen.

Wenn uns die sogenannte „Grippewelle“ bereits jetzt trotz Lockdown an den Rand der (intensiv-) medizinischen Kapazitäten drängt, möchte ich mir die Alternative nicht vorstellen. Jedem egoistischen Zweifler kann ich entgegenhalten, dass an dieser Pandemie nichts erfunden oder banal ist. Der Mittvierziger ohne Vorerkrankungen, der sich innerhalb eines Tages so verschlechtert, dass er im künstlichen Koma beatmet werden muss? – persönlich erlebt. Die rüstige Rentnerin, die ihrer Familie aus völligem Wohlbefinden heraus entrissen wird? – persönlich erlebt. Der Jugendliche, der Monate braucht, um sich von Corona zu erholen? – persönlich erlebt.

Ungeachtet des Alters, der Herkunft oder vorbestehender Erkrankungen erwarten wir doch normalerweise von unserem Gesundheitssystem eine allzeit bestmögliche Versorgung, gerade wenn es um das eigene Schicksal oder das Leben Angehöriger geht. Warum wird dies von vielen für eine Infektionserkrankung wie Corona in Frage gestellt? Warum sind „Kollateralschäden“ auf einmal akzeptierbar? Nur weil man nicht auf die Vorzüge eines Lebensstils maximaler Freiheit und minimaler Verantwortung für einen gewissen Zeitraum verzichten kann, um das Gesundheitssystem zu schonen? Niemals würde akzeptiert werden, wenn jemand ohne Gegenmaßnahmen an einer „normalen“ Lungenentzündung, an einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall sterben sollte, nur weil er alt oder vorerkrankt ist.  

Welcher Ausblick erwartet uns nun zu Beginn des neuen Jahres? Aktuell war ein erneuter harter Lockdown unausweichlich. Vielleicht kann die Zeit des Festes dazu gedient, sich eines in der aktuellen Situation oft vergessenen Aspektes zu besinnen: Persönlichen Rechten stehen immer auch persönliche Pflichten gegenüber. Mag das eigene Wohlergehen sonst an erster Stelle stehen, sind es Situationen wie diese, in der das Allgemeinwohl in den Vordergrund rückt.  Je mehr Verantwortung der einzelne übernimmt, desto schneller profitieren auch diejenigen, die wirklich persönlich und beruflich vom Lockdown bedroht sind: Sozial isolierte Pflegeheimbewohner, existenziell bedrohte Gewerbe und Unternehmer und z.B. auch Kinder und Schüler. Die Länge und Härte eines Lockdowns sind damit letztendlich Resultat mangelnder individueller Verantwortung und keine „Diktatur durch die Hintertür“.

Ich bin zaghaft optimistisch, dass das Schicksal der vielen persönlich von einer schweren Coronainfektion Betroffener und deren Angehöriger sowie der Gedanke an die spürbar vom Lockdown betroffenen auch bei denjenigen zu einem Umdenken führen wird, die der Pandemie bisher nur Verschwörungstheorien abgewinnen konnten.

Dr. med. Tobias Löffler

Dr. Tobias Löffler

Ein Gedanke zu „2020 – ein persönlicher Rückblick auf das „Coronajahr“

  1. Kay Plewnia

    Sehr geehrter Herr Löffler,

    danke für Ihre persönlichen Ausführungen!
    Die heutige Situation in der Pandemie ist schwierig; keiner hat das Allheilmittel !!!

    Umso wichtiger sind gute Entscheidungen, die bisher sowohl auf Bundes,- Landes- und kommunaler Ebene getroffen wurden.

    Bisher trage ich alle Entscheidungen der Verantwortlichen mit.

    Primäres Ziel ist Leben zu retten. Welche Maßnahmen am besten helfen oder geholfen haben, kann keiner sagen, weil es so eine Situation bisher noch nicht gab.
    Im Rückblick immer alles besser zu wissen, hilft auch nicht.
    Aber aus möglichen Fehlern zu lernen, bringt uns sicher weiter.

    DANKE an alle, die aktiv an der Verbesserung der jetzigen Situation arbeiten.
    DANKE Ihnen, Herr Löffler, für Ihre persönliche Stellungnahme.

    Hoffentlich werden Zweifler und Verschwörungstheoretiker endlich erkennen, dass es um unsere Zukunft geht und um nichts anderes.

    mfG
    Kay Plewnia
    CDU Schenefeld und Bürger dieses Landes

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