Mobile Luftfilter: Sinnvoll in Schulen und Kitas im Kampf gegen COVID?

Die bundesweite Diskussion um die Anschaffung von Luftfiltern für Schulen und Kitas wird seit einiger Zeit auch in den Ausschüssen der Schenefelder Kommunalpolitik geführt. Inzwischen steht fest, dass Schenefeld nicht mit finanzieller Förderung von Land und Bund rechnen kann, da die Räumlichkeiten in der Stadt nahezu durchweg gut belüftet werden können. Somit steht die Ratsversammlung nun vor der Entscheidung, ob aus Eigenmitteln Geräte angeschafft werden sollen. Die Debatte wird auch von Emotionen und gar Ängsten geprägt. Diese sind zwar verständlich, aber kein guter Ratgeber bei gesundheitlichen Fragestellungen. Vielmehr bedarf es einer möglichst sachlichen Betrachtung:

Als Arzt mache ich mir eine Vorgehensweise aus dem Beruf auch zunehmend für politische Entscheidungen zu Nutze, um bei schwierigen Fragestellungen eine Lösung zu erreichen: Das Problem muss zunächst genau konkretisiert werden; (vermeidbare) Ursachen müssen identifiziert werden; es muss eine Einordnung in die Gesamtsituation erfolgen und schlussendlich aufgrund der wissenschaftlichen Faktenlage die bestmögliche Lösung (Therapie) verfolgt werden. Dieser Ansatz sollte bei der Thematik zur Anschaffung von Luftfiltern insbesondere deshalb verfolgt werden, da es um eine medizinische bzw. gesundheitspolitische Entscheidung geht.

Die Problemstellung: Wie sind gesundheitliche Auswirkungen von COVID-19 bei Minderjährigen einzuordnen und wie kann diesen begegnet werden?

Die Problemstellung: Wie sind gesundheitliche Auswirkungen von COVID-19 bei Minderjährigen einzuordnen und wie kann diesen begegnet werden?

Aktuell lassen steigende Inzidenzwerte dieser Altersgruppe aufhorchen; besser noch ist aufgrund der altersspezifischen Teststrategie (bei der regelmäßig flächendeckend getestet wird) eine gleichzeitige Betrachtung der sog. Positivrate (positive Fälle in Relation zur Testanzahl). Auch diese steigt inzwischen wieder. Doch blickt man über die Statistik hinaus – was bedeutet eine Infektion in diesem Alter? Tatsächlich zeigen bisherige Erhebungen, dass eine Infektion bei Kindern und Jugendlichen im Vergleich zu anderen Altersgruppen meist milder verläuft; schwere Fälle und Todesfälle sind äußert selten1.

Konkret in Zahlen bedeutet dies, dass z.B. im Erhebungszeitraum 03/2020 bis 04/2021 (Also inklusive zweiter und beginnender dritter Welle), je nach Quelle zwischen vier und knapp 20 Todesfälle und unter 100 intensivpflichtige Verläufe gezählt wurden1. Im Vergleich zu der (glücklicherweise ebenfalls geringen) Gesamttodeszahl dieser Altersgruppe (ca. 15 Millionen Kinder und Jugendliche) von ca. 4.400 jährlich (letzte abgeschlossene Erhebung 2019) also eine sehr geringe Anzahl. Von der Gesamtanzahl entfallen die größten Gruppen auf perinatale Ursachen (ca. 1300), angeborene Erkrankungen (ca. 700) äußere Einflüsse wie Unfälle (ca. 650) und bösartige Erkrankungen (ca. 370)2. Diese nüchtern-sachliche Betrachtung soll die Tragik schwerwiegender individueller Verläufe nicht in Abrede stellen, kann jedoch Ängsten entgegenwirken und einen Gesamtkontext herstellen.

Gleichwohl bleibt die Feststellung, dass auch bei einer geringen Fallzahl jeder schwere Verlauf und jeder Todesfall ein Fall zu viel ist. Auch sog. Long-Covid-Fälle sind insbesondere bei Kindern nicht zu unterschätzen. Nicht ohne Grund empfehlen die entsprechenden Fachverbände auch bei Minderjährigen eine konsequente Ursachenbekämpfung und somit Einhalten der Hygienemaßnahmen und inzwischen ab 12 Jahren auch eine Impfung.

Somit bleibt die Frage, ob insbesondere Kinder bis 12 Jahre, für die eine Impfung (noch) nicht zur Verfügung steht, auf andere Weise zusätzlich geschützt werden können. Wie stellt sich also die wissenschaftliche Faktenlage zu mobilen Raumluftfiltern dar?

Relativ unumstritten ist, dass (qualitativ adäquate) Geräte die Aerosolkonzentration in Räumen relativ schnell reduzieren können. Ob die Geräte jedoch einen ausreichenden Ersatz für regelmäßiges Lüften oder lediglich eine Ergänzung darstellen, ist in der Studienlage uneindeutig. Viel hängt von Luftströmen, Positionierung, richtiger Wartung und Nutzung ab. Diesbezüglich vage ist die aktuelle Empfehlung des Umweltbundesamtes: Die Anschaffung mobiler Luftreiniger könne “eine sinnvolle Ergänzungsmaßnahme zur Vermeidung indirekter Infektion im Unterricht sein, wenn nicht ausreichend über Fenster gelüftet werden kann und auch keine raumlufttechnischen Maßnahmen wie Zu- und Abluftanlagen zur Verfügung stehen”.³

RKI (und auch das Land Schleswig-Holstein als innerer Schulträger) stellen somit fest, dass das Lüften und Basishygienemaßnahmen entsprechend nicht ersetzt werden können; im Gegenteil: vor einem falschen Sicherheitsgefühl wird eindrücklich gewarnt.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass eine geringe Fallzahl einer Maßnahme mit zumindest zweifelhaftem Nutzen entgegensteht. Zudem können (bzw. dürfen) die Filter die bisherigen, oft als störend empfundenen Maßnahmen wie Lüften oder Maskenschutz, nicht ersetzen.

Nach erfolgter fachlicher Betrachtung ist es daher legitim, die hohen Kosten (ca. 600.000 € allein für die Anschaffung an den Schulen, zuzüglich Wartung, Ersatz und Betrieb) dem geringen Nutzen gegenüberzustellen. Wie also entscheiden? Unbestritten ist, dass allen Befürworter am gesundheitlichen Schutz der Betroffenen gelegen ist. Doch gut gemeint ist bekanntermaßen das Gegenteil von gut; insbesondere bei gesundheitlichen Entscheidungen sollte von einer entsprechenden Emotionalisierung der Entscheidung abgesehen werden. Eine überzogene, unreflektierte Erwartungshaltung an mobile Filter kann wie o.g. sogar Gegenteiliges erreichen, wenn aus falschem Sicherheitsgefühl das Lüften und die Basishygienemaßnahmen reduziert werden.

Die CDU-Fraktion spricht sich daher gegen eine flächendeckende Beschaffung von mobilen Luftfiltern aus. Teilanschaffungen je nach subjektiver Notwendigkeit oder „Wunsch“ der Schulen und Kitas ohne objektive Grundlage sind ebenso wenig zielführend. Nur wenn die Anschaffung punktuell nachweislich sinnvoll ist, z.B. in Räumen, die nicht richtig gelüftet werden können (sog. Kategorie 2 der Förderprogramme) sollte diese erfolgen. Dazu kommt der rein pragmatische Aspekt, dass eine jetzige Bestellung wohl erst ab Frühjahr 2022 ausgeliefert werden kann und damit ein Einsatz in einer zu erwartenden vierten Welle schlicht verfehlt wird.

Vielmehr folgt die CDU-Fraktion der Einschätzung, z.B. des Schulleiters der Gemeinschaftsschule, dass die Mittel für die zahlreichen negativen Folgen des Lockdowns besser eingesetzt sind. Hier ist insbesondere an Sozialarbeit, psychologische Unterstützung und das Aufholen von Lerndefiziten zu denken.  Langfristig sollte dann, auch in Betracht möglicher neuer Pandemien, das Ziel von festinstallierten Abluftanlagen verfolgt werden.

für die CDU-Fraktion

Dr. Tobias Löffler      

1. Stellungnahme von DGPI und DGKH zu Hospitalisierung und Sterblichkeit von COVID-19 bei Kindern in Deutschland, Stand April 2021, 21.04.2021, https://www.dgkj.de/fileadmin/user_upload/Meldungen_2021/210421_SN_HospitalisierungCOVID.pdf

2. Statistisches Bundesamt, Todesursachenstatistik, Gestorbene: Deutschland, Jahre, Todesursachen, Geschlecht, Altersgruppen, 2019, https://www.genesis.destatis.de/genesis/online?operation=previous&levelindex=1&step=1&titel=Ergebnis&levelid=1631786506553&acceptscookies=false#abreadcrumb

3. s. Umweltbundesamt, 27.07.2021,https://www.umweltbundesamt.de/themen/anforderungen-an-mobile-luftreiniger-an-schulen, s. auch Stellungnahme der Kommission Innenraumlufthygiene am Umweltbundesamt, 12.08.2020, https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/2546/dokumente/irk_stellungnahme_lueften_sars-cov-2_0.pdf

Dr. Tobias Löffler