Straßenbahnträume

Wahrscheinlich war die nächste Ausgabe der Zeitung bereits voll, druckfertig, kein Platz mehr. Denn frei nach Carl Valentin passiert an jedem Tag genau so viel, wie in die nächste Zeitung passt. Und weil das Treffen der Podiumsdiskussionsteilnehmer zum Zwecke des Meinungsaustausches im Stadtzentrum Schenefeld keinen Durchbruch in Sachen „Schiene für Schenefeld“ brachte, könnte man wie ein großer Hamburger Komiker sagen „es ist bereits alles gesagt, nur noch nicht von jedem“.

Für 50 Pfennig gab es am Sonntag Kinderkino im Spiegel, Altona, am Friedenseichenplatz. Gleich in der Nähe wurden auch samstags Schiffsschrauben bei Zeise gefertigt. Und natürlich Hertie, und nebenan das Bismarckbad. Und von Altona per Dampflok nach Pinneberg und Elmshorn, ganz auf der Schiene.

Im zweiten Wagen der Straßenbahn war auch immer ein Schaffner. Das machte die Fahrt sicherer. Bezahlt wurde direkt im Wagen auch vorn beim Straßenbahnführer. Die Sitze waren nicht gepolstert, aus lackiertem Holz. Manchmal endete die Fahrt bei der Trabrennbahn. Dann hieß es warten. Vermutlich gab es noch keine Einfrierbeutel mit schwarzen Filzstiften im Set oder Sprühdosen mit Farben. Jedenfalls erinnere ich nicht, dass die Straßenbahn innen schwarz verziert war oder außen besprüht.

Aber damals konnte man auch noch Auto fahren. Es gab ja nur 10 Millionen PKW in Deutschland. Als dann die Straßenbahn eingestampft wurde, gab es in Deutschland nahe 30 Millionen PKW. Natürlich auch viele davon in und um Hamburg. So wurden die Straßen von allem befreit, was den Individualverkehr störte. Schienen, Straßenbahnen, die auf der linken Spur halten, und Kopfsteinpflaster – natürlich auch in Schenefeld. Und nunmehr sollen die Autos, mittlerweile mehr als 50 Millionen in Deutschland, weichen. Den Busspuren, den Schienen. Und überhaupt.

Jedoch wird hierbei nicht bedacht, dass keine noch so schöne Straßenbahn, oder U-Bahn, oder S-Bahn oder sonstige Schienenfahrzeuge, meinetwegen auch Privatdraisinen, das Auto von der Straße wird fegen können. Jedenfalls nicht in den nächsten 30 Jahren oder mehr. Denn realistisch ist das Auto der Wirtschaftsfaktor Nummer eins, nicht die „Tram“. Und realistisch wird es keine Schienenanbindung für Schenefeld geben, aus der Sicht der heute Lebenden niemals.

Eine Großbaustelle diesen Ausmaßes ist nach Abschluss der Planung bereits doppelt so teuer wie ursprünglich angenommen. Im Laufe der Bauzeit steigen die Kosten spielerisch in gigantische Höhen. Beispiele gibt es genug, denkt man an Elbphilharmonie, Flughafen Berlin und Bahnhof Stuttgart; oder „Biene Sonnenstrahl“ in Schenefeld. Für die Gruppe der Schienenverfechter gilt es wie für andere Menschen an Weihnachten oder beim Anblick einer Sternschnuppe – man kann sich alles Wünschen.

Weitaus wichtiger ist die Betrachtung des aktuellen Hier und Jetzt. Anstatt an Wundern fest zu halten, und darauf zu hoffen, sollte man sich lieber den akuten Schenefelder Fragenstellungen widmen. Die Verkehrssituation ist dermaßen komplex, dass es für Schenefeld wenig sinnvoll erscheint, dass ein Ausschuss allein an den Verkehrslösungen arbeitet, „en passer“ sozusagen, nebenher zwischen Grünpflege und Farbe der Dachziegel. Die Herausforderungen in diesem Bereich sind umfassend: Einreiseverkehr, Ausreiseverkehr, Durchgangsverkehr, Warenverkehr, Rettungsverkehr, innerstädtischer Straßenverkehr, Anschluss an Fernverkehr, öffentlicher innerstädtischer Verkehr, öffentlicher Anschlussverkehr an andere Regionen, öffentlicher Anschluss an Fernverkehr, ruhender Verkehr, Zweiradverkehr, Fußgänger, Barrierefreiheit, sicherer Schulweg und Verkehrserziehung – um nur einige zu nennen.

Ein derart umfangreiches Themengebiet für 10 Kommunalpolitiker nach Feierabend, für wenige Minuten im Monat, ist nicht der Wichtigkeit angemessen bearbeitet. Hier muss nachgebessert werden und der Ausschuss entlastet werden. Denn zu viele Aufgaben führen nur dazu, nichts mehr richtig zu machen. Dafür gibt es in der jüngsten Vergangenheit Beispiele. So können Menschen mit Sehbehinderung zwar von der Siedlung kommend sicher das Dorf erreichen, jedoch ist der Rückweg gefährlich. Denn die Querung der LSE unter der Luninez-Brücke ist nur auf Siedlungsseite mit Bodenleitsystemen ausgestattet. Ein Unding und ein Beleg mehr dafür, dass der Ausschuss überlastet ist. Wir müssen dem Verkehr mit all seinen Facetten mehr Beachtung entgegenbringen; sonst steht bald alles still.

Holger Lilischkis
Mitglied CDU Fraktion Schenefeld

Holger Lilischkis
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